Projektbeschreibung
Unser Konzept legt den Schwerpunkt darauf, der Tendenz zur „Verhäuslichung der Kindheit" und damit einer gesundheitlich ungünstigen Entwicklung des Bewegungsverhaltens von 8- bis12-jährigen Kindern entgegenzuwirken, indem die Aufmerksamkeit der Kinder und Eltern, der Schulen, Schulträger und Verantwortlichen in der kommunalen Verwaltung auf die hohe Bedeutung von Bewegung im Freien gelenkt wird und indem eine bewegungsfreundlichere Freiraumsituation für Kinder erreicht wird.
Dieses Untersuchungsziel soll erreicht werden
- durch Schaffung zusätzlicher Bewegungsräume für Kinder im Wohnumfeld,
- durch Aufwertung bestehender Bewegungsräume (Verringerung von Umweltbelastungen, attraktivere natürliche und infrastrukturelle Ausstattung),
- durch Vernetzung bestehender und neuer Bewegungsräume untereinander und mit den Wohnquartieren (Zugänglichkeit, Erreichbarkeit, Überwindung von Barrieren),
- durch Stärkung der individuellen Gesundheitsvorsorge bei den Schülern,
- durch Weckung von Interesse an bisher übersehenen städtischen Freiraumangeboten,
- durch Entwicklung von Kooperationsstrukturen, d.h. durch eine Vernetzung von kommunalen Institutionen und Bürgergruppen mit Aufgaben/Engagement für Kinder, für Gesundheit und Umwelt (s. Kontaktkreis).
Dies soll geschehen, indem die Kinder (Zielgruppe 8 bis 12 Jahre) zum Spielen im Freien motiviert werden und indem bei Bedarf das wohnungsnahe Angebot an attraktiven Bewegungsräumen verbessert wird. Die Spielangebote werden in den teilnehmenden Schulen pro Klasse einmal monatlich in Rahmen des Unterrichts durchgeführt und von StudentInnen der Universität Göttingen betreut. Zusätzlich finden am Nachmittag in Göttingen in drei ausgewählten Wohngebieten, die im Einzugsbereich der Schulen liegen, von SpielleiterInnen begleitete freiwillige Spielangebote statt. Auch in München finden regelmäßig circa zweimal im Monat in den zwei ausgewählten Wohngebieten am Nachmittag Spielangebote statt.

Gesundheitliche Bedeutung
Mit dem Projekt wollen wir auch nachweisen, dass eine Vergrößerung und attraktivere, naturnahe Ausgestaltung, aber auch bessere Erreichbarkeit geeigneter Freiräume zusammen mit einem breit angelegten Bemühen zur verstärkten Nutzung dieser Bewegungsräume einen positiven Effekt auf die Lebenswelt von Kindern ausüben und daher auch von hoher gesundheitlicher Bedeutung sind.
Unter Beteiligung der relevanten gesellschaftlichen Gruppen und Entscheidungsträger kann (s. Kontaktkreis) mit diesem Instrument die außerhäusliche räumliche Umgebung für Kinder und Jugendliche zur Förderung ihres Spiel-, Gestaltungs- und Erkundungspotentials erschlossen und verstärkt genutzt werden. Damit sollen positive Impulse auf möglichst allen Gebieten der gesundheitlichen Entwicklung wirksam werden: physische Bewegungsfähigkeit und körperliche Kräftigung, Geschicklichkeit, das allgemeine Wohlbefinden, die soziale Kompetenz und Ausgeglichenheit, die Fähigkeit zur Aufmerksamkeit und Konzentration. Ein positiver Einfluss wird langfristig ebenso auf die klassischen Gesundheitsindikatoren wie: Körpergewicht, Herzkreislauf- und Lungenfunktion, Infektresistenz, aber auch auf Resistenz gegenüber chronisch-atopischen Erkrankungen im Kindesalter wie Neurodermitis und Asthma erwartet; hierzu Originalzitat: Riedler et al (2000). In Bezug auf Risiken für Krankheiten im Erwachsenenalter können wir mit wirksameren Schutzmechanismen gegen Herz- und Kreislauferkrankungen rechnen. Schließlich besteht die gesundheitspolitische Relevanz auch in dem Nachweis für ein kinderfreundliches Wohnumfeld und signalisiert einen Impuls gegen die „wachsende Entkinderung", wie Schipperges bereits 1981 die zunehmende Überalterung unserer Bevölkerung gekennzeichnet hat.
Durch die aufeinander abgestimmte Förderung von Gesundheitskompetenz bei Kindern einerseits und von räumlichen Voraussetzungen für die körperliche Bewegung im Freien andererseits, werden Verhaltensprävention und Verhältnisprävention konsequent miteinander in Beziehung gesetzt. Die kommunale Verwaltung, die Schulen, Sportvereine und Elternvertreter beteiligen sich gemeinsam an dem Projekt der verstärkten Ausweisung und Nutzung von Bewegungsräumen im Freien durch Kinder.
Auch eine langfristige Wirksamkeit der mit dem Projekt verfolgten Zielsetzungen soll erreicht werden. So sollen die Zuständigkeiten und Aufgaben zum Thema "Kommunale Freiräume für Bewegung zur Förderung der Gesundheit von Kindern" von den kommunalen Entscheidungsträgern als ständiges Arbeitsgebiet anerkannt und übernommen werden. Damit wird sichergestellt, dass die Weiterentwicklung und -bearbeitung des Projektzieles auf Dauer zum Arbeitsgebiet der Präventionsanbieter gehören.
Ein Beispiel für eine neue solche Kooperationsstruktur ist der Kontaktkreis als eine neue Form der Begegnung und der Arbeitsweise in diesem Projekt. Er bildet ein Forum für Gespräch, Austausch und ,Zielvereinbarungen der an Kindergesundheit interessierten Personen in der Region und im Stadtteil.
Wer gehört dazu? Die Mitglieder der Kontaktkreise sind "Schlüsselpersonen", die sich ehrenamtlich oder beruflich für Kinder und Jugendliche einsetzen, z.B. Eltern, engagierte Bürger, Lehrer, Vertreter von Stadtteilbüros, von kommunalen Kinder- und Jugendeinrichtungen sowie von Gruppen wie Pfadfinder, Sportvereine, kirchliche Jugend, Gartenbaujugend, Naturschutzjugend sowie Vertreter der kommunalen Verwaltung (Sportamt, Jugendamt, Büro der Kinderbeauftragten) und des Projektteams.
Wie verstehen sich die Kontaktkreise?
Die sich regelmäßig alle zwei Monate treffenden Kontaktkreise wollen dazu beitragen, dass im Stadtteil Kindern und Jugendlichen verbesserte Gelegenheiten geboten werden, sich im Freien zu bewegen – in genügend großen und erreichbaren Spielräumen, die für sie geeignet und reizvoll sind.
Mitplanen, Mitgestalten und Mitverantwortlich-Sein für das Leben und Wohl der jungen Generation in der Region und im Stadtteil - das ist das Motto der Kontaktkreise. Die Maßnahmen in diesem Projekt wie Durchführung von Spielaktionen, Mitwirkung von Schulen wurden in den jeweiligen Kontaktkreisen besprochen und festgelegt.
Der Kontaktkreis hat aber noch eine andere Funktion. Dort können Bürger ihre persönliche gesundheitliche Orientierung einbringen und für ein gemeinsames Ziel einsetzen. Bei den Treffen im Kontaktkreis kann das angesprochen und thematisiert werden, was für die Teilnehmer bezüglich Gesundheit und Bewegungsförderung der Kinder wichtig ist. Damit ist der Kontaktkreis auch für das Wirksamwerden von Gesundheit beziehungsweise der gesundheitlichen Orientierung wichtig, die der Gesundheitswissenschaftler A. Antonovsky als Kohärenzgefühl bezeichnet hat. Er meinte damit eine fundamentale und globale Gesundheitsorientierung allen Lebens, die im Falle des Menschen durch die Komponenten Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit zum Ausdruck kommt (Vgl. Literatur).